Über die Wirksamkeit von Impfstoffen

Eine wissenschaftliche Abhandlung von Wolfram G. Metzger

„Ich verstand die Stille des Äthers, der Menschen Worte, verstand ich nie“[1]

Vorbemerkung

Die vorliegende Abhandlung ist eine Reflexion meiner wissenschaftlichen Publikationen zu Impfstoffen. Seit der Veröffentlichung der Arbeiten sind einige Jahre vergangen. Nun habe ich die Publikationen mit dem nötigen Abstand kritisch überprüft und festgestellt, dass positive Ergebnisse zur Wirksamkeit von Impfstoffen systematisch überbewertet wurden. Schnell kam mir der Verdacht, dass die Gründe für diese verzerrte Interpretation nicht im naturwissenschaftlichen Bereich zu suchen sind. Ich habe deshalb die evidenzbasierte Wirksamkeit von Impfungen und ihre Rezeption im gesellschaftlichen Diskurs zum Thema dieser Abhandlung gemacht.

Die Fragestellung ist, wie weit stimmt das, was wir sagen, mit dem überein, was wir wissen?

Dann kam die Corona-Pandemie! Die Welt stand still im Angesicht von Sars-CoV-2, die Impfung versprach die Rettung. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass das Thema dieser Arbeit – der Impfdiskurs und seine wissenschaftlichen Grundlagen – einmal zu einem Politikum von globaler Bedeutung werden würde. Ich habe lange überlegt, ob ich die Arbeit mit einem Kapitel zur Impfung gegen Sars-CoV-2 ergänzen soll. Ich habe mich dagegen entschieden, weil genau dies die Botschaft ist: Die Arbeit ist hochaktuell, gerade weil sie die Zeit vor der Sars-CoV-2-Impfung behandelt. Salopp könnte man sagen, „Corona“ kommt in dieser Arbeit kein einziges Mal vor[2], aber „Corona“ ist überall drin. Die Gründe für die Kontroverse um die Corona-Impfung tiefer liegen als allgemein angenommen. Der Impfdiskurs ist 200 Jahre alt.

Vorab sei angemerkt, dass sich der Begriff „Diskurs“ während des Schreibens zu einem zentralen Begriff der Untersuchung entwickelt hat. Hier wird er als „verfestigte gesellschaftliche Redeweise“ (Kuhn) verstanden.[3] In solchen Diskursen werden immer wieder die gleichen Narrative erzählt, die als elementare diskursive Versatzstücke fungieren. Dabei sind Diskurse nicht nur Ausdruck gesellschaftlicher Praxis, sondern sie üben auch Macht aus und bestimmen das Handeln der Menschen.

Dies lässt sich sehr einfach an sogenannten  Kriegsdiskursen zeigen. Dort kommt der Gegner nie gut weg, was dem Interesse des Kriegstreibers und nicht der Realität des Gegners entspricht. So ist es leicht nachvollziehbar, dass Diskurse in der Lage sind, die Welt zu verändern und sich von der nachweisbaren Realität entfernen, weil sie der Ausdruck eines  bestimmten Interesses sind.

Für die Philosophen unter den Lesern: Ich halte die sogenannte „Diskursanalyse“ für eine nützliche Methode, lehne aber einige philosophische Implikationen ab. So wird „der Diskurs“ bei Diskurstheoretikern gerne als Akteur oder handelndes Subjekt dargestellt (Foucault), als würden Diskurse „die Sprecher sprechen“ (Kreisky) und die Teilnehmer zu willenlosen Sprachrohren machen. Dies würde die Möglichkeit der freien Entscheidung negieren und Personen zu willenlosen Marionetten machen, was sie nicht sind.

Zum Impfdiskurs: In der Regel wird die Geschichte der Impfungen als Erfolgsgeschichte erzählt. Meist beginnt sie mit dem englischen Landarzt Jenner, führt über die Ausrottung der Pocken zu den sogenannten impfpräventablen Infektionen und endet mit einem verheißungsvollen Ausblick auf die Impfstoffe der Zukunft. Der auf diesem Narrativ aufbauende Impfdiskurs beruft sich stets und nachdrücklich auf seine wissenschaftliche Fundierung.

Im Folgenden wird die Entstehung der Impfmetapher „Ich bin geimpft = ich bin geschützt“ als zentraler Bestandteil des herrschenden Impfdiskurses untersucht, das Abweichen des Impfdiskurses von evidenzbasiertem Wissen wird analysiert, und schließlich wird die Wirkung  des Impfdiskurses auf die wissenschaftliche Debatte reflektiert. Dabei werden sowohl sprachliche, diskursive als auch historische Aspekte angesprochen.

Anhand von Beispielen und Übersichten wird dargestellt, welche Methoden und Ergebnisse als Belege für die Wirksamkeit von Impfungen herangezogen werden und wie es zu einer „gerichteten Wahrnehmung” (Ludwik Fleck) dieser Ergebnisse kommt.  

Ein paar exemplarische eigene Publikationen vervollständigen das Bild.

Worum es in dieser Arbeit nicht geht:

  • Im Folgenden wird ausschließlich die Wirksamkeit von Impfstoffen behandelt; Nebenwirkungen von Impfstoffen sind nicht Gegenstand dieser Arbeit.
  • Der Einfluss der Gewinnmaximierung in der Produktion auf die Ergebnisse der Forschung sowie die Organisation wissenschaftlicher Forschung als Wettbewerb der Forschenden sind ebenfalls nicht Gegenstand dieser Arbeit. Auch die Rolle der Presse, die beispielsweise ein Experiment an Mäusen (Tierversuch) um der Schlagzeile willen gerne mit „Impfstoff gegen Krankheit X gefunden“ betitelt, wird nicht beleuchtet.
  • Wenn im Folgenden die Wirksamkeit von Impfstoffen beziffert wird, ist stets die „relative Wirksamkeit“ gemeint. Die „absolute Wirksamkeit“, bei der auch die epidemiologische Häufigkeit einer Infektionskrankheit (Inzidenz) berücksichtigt wird und als absolute Risikoreduktion berechnet wird, wird hier nicht berücksichtigt. Der Unterschied zwischen relativer und absoluter Wirksamkeit wird auf Seite 10 erläutert.
  • Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass diese Abhandlung weder eine Bilanz der evidenzbasierten Befunde zur Wirksamkeit von Impfungen noch eine umfassende Analyse des Impfdiskurses ist. Sie soll als Diskussionsgrundlage dienen und Anregungen für Fragestellungen zukünftiger Forschungsvorhaben liefern.

Viele Missverständnisse in der Impfdebatte könnten vermieden werden, wenn sich alle Beteiligten mehr Zeit für die Darstellung und Vermittlung von Forschungsergebnissen nehmen würden. Verständliche Sätze zu bilden und Fachjargon zu vermeiden, war mir daher ein besonderes Anliegen.


[1]     Friedrich Hölderlin (1770–1843)

[2]     Eine Ausnahme ist die Bemerkung zu experimentellen Sars-CoV-2-Infektionen am Menschen (S.34).

[3]     Der Begriff „Diskurs“ wird auch für „Diskussion“ bzw. „Debatte“ verwendet, was hier nicht gemeint ist.

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